Made in Germany trifft Made in China: Wie bleibt Deutschland wirtschaftlich erfolgreich, wenn sich die globalen Kräfteverhältnisse verschieben? Diese Frage zog sich wie ein roter Faden durch die dmpi-Jahrestagung am 9. Oktober 2026. Rund 80 Teilnehmende erlebten bei Mercedes-Benz in Sindelfingen deutsche Automobilkompetenz aus nächster Nähe, hörten vom China-Experten Frank Sieren, warum die bisherigen Erfolgsrezepte nicht mehr ausreichen, und diskutierten über die Perspektiven der heimischen Industrie. Ein Tag mit spannenden Einblicken, durchaus unbequemen Denkanstößen und viel Gelegenheit zum Austausch.
Der Auftakt führte die Teilnehmenden dorthin, wo seit mehr als 110 Jahren Automobile gebaut werden: ins Mercedes-Benz Werk Sindelfingen. Mit mehr als 31.000 Beschäftigten zählt der Standort zu den bedeutendsten Industrie- und Entwicklungsstandorten der Region. Hier entstehen unter anderem die S-Klasse und der vollelektrische EQS.

In zwei Gruppen ging es mit Bussen über das weitläufige Werksgelände und anschließend in die Montagehallen. Während im Presswerk die Fertigung nahezu vollständig digitalisiert und automatisiert abläuft, konnten die Besucher in der Montage das Zusammenspiel von Mensch und Maschine beobachten: Roboter heben Cockpits präzise in die Fahrzeuge, Mitarbeitende übernehmen den Einbau. Die jeweils benötigten Bauteile werden von autonom fahrenden Transportwagen direkt ans Band geliefert. Am Ende die Qualitätskontrolle, bei der das geschulte menschliche Auge durch digitale Prüfsysteme ergänzt wird.
Beeindruckende Technik, hochautomatisierte Prozesse und jede Menge Ingenieurskunst: Die Werksführung zeigte die Stärken der deutschen Industrie. Doch wie lassen sich daraus neue Wachstumsperspektiven entwickeln? Welche Impulse braucht es, um auch künftig wirtschaftlich erfolgreich zu sein? Genau hier setzte der anschließende Vortrag an.


Eine ebenso spannende wie unbequeme Antwort lieferte der Journalist und China-Experte Frank Sieren mit seinem Vortrag „Wake-up-Call China: Autoschock – vom Vorreiter zum Getriebenen?“. Seit mehr als 30 Jahren lebt Sieren in China und beobachtet, wie sich das Land von der verlängerten Werkbank der Welt zu einer technologischen und wirtschaftlichen Großmacht entwickelt hat.
Mit anschaulichen Geschichten, persönlichen Erfahrungen und überraschenden Perspektivwechseln, nahm Sieren sein Publikum mit auf eine Reise durch die chinesische Wirtschaftsgeschichte. Eine seiner zentralen Botschaften: China betrachtet seinen Aufstieg vor dem Hintergrund seiner langen Geschichte vielmehr als Wiederaufstieg zu früherer wirtschaftlicher Stärke.
Besonders anschaulich machte Sieren diese Entwicklung am Beispiel der Automobilindustrie. Über Jahrzehnte waren deutsche Hersteller weltweit führend. Chinesische Unternehmen lernten von ihnen, übernahmen Technologien und bauten eigene Kompetenzen auf. Doch inzwischen haben sich die Rollen verändert: Die einstigen Nachahmer sind selbst zu Innovationstreibern geworden. Bei Batterietechnologie, Software, Digitalisierung und Fahrzeugkomfort setzen chinesische Hersteller zunehmend neue Maßstäbe – und das häufig schneller und kostengünstiger als ihre deutschen Wettbewerber.
Dass die deutsche Automobilindustrie diese Entwicklung unterschätzt hat, liegt nach Sierens Einschätzung auch an einer gehörigen Portion Selbstüberschätzung. Man habe China zwar zugetraut, günstig und effizient zu produzieren, aber nicht, selbst technologisch führend zu werden.

Trotz seiner kritischen Bestandsaufnahme sieht Sieren Chancen für Deutschland, wirtschaftlich wieder an Stärke zu gewinnen. Auch dem familiengeführten Mittelstand traut er zu, den Wandel voranzubringen. Unternehmen, die langfristig denken und Verantwortung übernehmen, könnten dabei eine entscheidende Rolle spielen. Gleichzeitig brauche Deutschland eine lebendigere Innovationskultur mit mehr Freiraum, weniger Bürokratie und schnelleren Entscheidungswegen.
„Das deutsche Auto steht für die Zeit, in der die Chinesen die Lehrlinge waren und die Deutschen die Meister. Und diese Zeit geht jetzt zu Ende." | Frank Sieren, China-Experte
Sein Fazit: Deutschland müsse sich intensiver mit China auseinandersetzen, das Land als wirtschaftlichen Partner auf Augenhöhe begreifen und gezielt Kooperationen eingehen. Wer im globalen Wettbewerb weiter mitspielen wolle, könne es sich nicht leisten, einen der wichtigsten Innovationsmärkte der Welt zu ignorieren.
Der Vortrag löste zahlreiche Nachfragen und einen lebhaften Austausch aus. Diskutiert wurden unter anderem die Rolle staatlicher Subventionen, die Auswirkungen der chinesischen Währungspolitik auf den internationalen Wettbewerb sowie die Unterschiede der politischen Systeme und die Rolle der Zivilgesellschaft. Sieren erläuterte seine Perspektiven und stellte sich auch kritischen Fragen. Der rege Austausch zeigte, wie unterschiedlich die Entwicklungen in China bewertet werden – und wie groß das Interesse an einer differenzierten Auseinandersetzung mit dem Land ist.
Lang anhaltender Applaus unterstrich die Anerkennung für seinen Vortrag. „Dem hätte ich noch stundenlang zuhören können.“, brachte es ein Teilnehmer auf den Punkt.
„Wenn es darum geht, wer ist in der Lage ist, sich am besten anzupassen, dann sind das die Eigentümer-geführten Hidden Champions. Die hören zu. Die verstehen. Und die sind dann auch in der Lage, es zu drehen." | Frank Sieren, China-Experte

Mit einem Grußwort von Henrik Knauber, Vorsitzender des Verbands der Papier, Pappe und Kunststoff verarbeitenden Industrie (vpi), begannen die Mitgliederversammlungen von vdm und vpi. Im Mittelpunkt standen die wirtschaftliche Lage der Branchen, die politische Interessenvertretung und die Weiterentwicklung der Verbandsarbeit.
Wie groß die Herausforderungen derzeit sind, verdeutlichte Geschäftsführer Dr. Alexander Lägeler in seinem Bericht. Die Zahlen unterstrichen die angespannte Lage: 2025 sank die Zahl der Druck- und Medienbetriebe in Baden-Württemberg um 4,7 Prozent, die Beschäftigtenzahl um 6,6 Prozent. Auch die Papierverarbeitung verzeichnete 2025 bundesweit einen Umsatzrückgang von zwei Prozent, der sich Anfang 2026 fortsetzte.
Neben der wirtschaftlichen Situation standen die politische Interessenvertretung und konkrete Entlastungen für die Unternehmen im Mittelpunkt. Lägeler berichtete unter anderem über die EU-Entwaldungsverordnung (EUDR), die neue Verpackungsverordnung (PPWR), die Regulierung von Umweltaussagen (EmpCo) sowie den Einsatz für gedruckte Packungsbeilagen und Gebrauchsanleitungen.
„Unsere Unternehmen stehen unter enormem wirtschaftlichem Druck. Umso wichtiger ist es, dass wir uns als Verbände für wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen einsetzen. Weniger Bürokratie, mehr Planungssicherheit und Freiräume für unternehmerisches Handeln sind entscheidend für die Zukunft unserer Branchen.“ | Dr. Alexander Lägeler, Geschäftsführer dmpi-Industrieverbände.
Auch die Weiterentwicklung der Verbandsorganisation war Thema. Durch eine engere Zusammenarbeit mit den Branchenverbänden in Rheinland-Pfalz und dem Saarland sollen Ressourcen gebündelt, Kompetenzen besser genutzt und die Leistungen für Mitgliedsunternehmen gestärkt werden.
Ein weiterer Tagesordnungspunkt war die Neuausrichtung der Verwaltung des Verbandsvermögens. Richard Feiniger von Böhke & Co. stellte das neue Spezialfondsmodell, dessen Anlagestruktur und die bisherige Entwicklung, vor.

Was am Vormittag bei Mercedes-Benz zu sehen war und am Nachmittag durch Frank Sieren eine neue Perspektive erhielt, beschäftigte die Teilnehmenden auch beim abschließenden Netzwerkdinner im Restaurant Check-Inn in Böblingen.
Zwischen Aperitif und Dinner wurde weiter über die Zukunft der deutschen Industrie diskutiert. Besonders die Elektromobilität war Thema: Welche Antriebskonzepte werden sich durchsetzen? Wie entwickeln sich Technologien und Märkte? Und wie können deutsche Unternehmen ihre Wettbewerbsfähigkeit zurückgewinnen?
Die Kombination aus Werksbesichtigung und Vortrag mit Diskussion erwies sich dabei als besonders gelungen. Sie machte deutlich, dass sich der Strukturwandel nicht nur in wirtschaftlichen Kennzahlen zeigt, sondern längst in den Unternehmen angekommen ist.
Für die Druck- und Papierverarbeitungsindustrie sind diese Entwicklungen mehr als ein Blick über den Tellerrand. Auch ihre Unternehmen müssen sich in einem Umfeld aus intensivem Wettbewerb, technologischen Veränderungen und hohem Kostendruck behaupten. Umso wertvoller sind neue Perspektiven und der offene Austausch unter Unternehmerinnen und Unternehmern.
Die dmpi-Jahrestagung 2026 bot dafür reichlich Gelegenheit – und viele Denkanstöße, die über diesen Tag hinauswirken dürften.
Die dmpi-Jahrestagung am Freitag, 9. Oktober 2026 im Mercedes-Benz Kundencenter in Sindelfingen als Video. (Dauer: 3:57 Min)
Eingeloggte Mitglieder können im folgenden Abschnitt die Bildergalerie durchstöbern. Mitglieder und Gäste der dmpi-Jahrestagung erhalten die hochaufgelösten Bilder auf Anfrage direkt von dmpi.
Melanie Erlewein
Referentin Öffentlichkeitsarbeit und Bildung
m.erlewein (at) dmpi-bw.de
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