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In der digitalen Kultur dürfen Sie agil sein

06.02.2019 | Auf Einladung von dmpi und der BiWe Akademie fand am Do 29. Januar ein After Work Special zur digitalen Transformation statt. Rund 50 Teilnehmer hatten sich im Haus der Druckindustrie in Kemnat eingefunden, um zwei Vorträge zu hören, miteinander zu diskutieren und natürlich auch um zu netzwerken.

Dr. Lägeler
Dr. Alexander Lägeler, Geschäftsführer dmpi in seiner Begrüßung: „Wir freuen uns über einen gelungenen Auftakt der Kooperation dmpi Industrieverbände und dem BiWe Bildungswerk der Baden-Württembergischen Wirtschaft– es erwarten Sie zwei außerordentlich spannende Speaker.“

„Digital-Kultur ist mehr als eine Transformation"
Der Berner Publishing-Berater Haeme Ulrich machte mit seinem Vortrag „Digital-Kultur ist mehr als eine Transformation" den Anfang. Die digitale Transformation sei ein Modewort und obendrein irreführend, stellte Ulrich direkt zu Beginn fest. Vielmehr habe die Transformation kein Ende und führte das Beispiel der Raupe an. Aus dieser entwickele sich nach einer bestimmten Zeit ein Schmetterling. Danach sei für die frühere Raupe die Transformation abgeschlossen, der Schmetterling bleibe Schmetterling. Übertragen auf das Thema des Abends heißt das: den Wind der Veränderung kann niemand stoppen. Ulrich setzte sich deshalb dafür ein, ab sofort anstelle der Transformation nur noch von Kultur zu sprechen.

 

Oliver Holzapfel
Oliver Holzapfel, Geschäftsführer BiWe führt in das Thema ein: „Digitale Transformation ist branchenübergreifend“

„Wenn der Wind der Veränderung weht, bauen die einen Windmühlen und die anderen Mauern."

Statt wie bisher nur Produkte zu verkaufen, warb Ulrich darum, künftig Dienstleistungen zum Produkt anzubieten. Auf der Basis von Design Thinking müssten Probleme im ersten Schritt verstanden und erst im zweiten Schritt zu lösen versucht werden. Als neue Frage wäre „Was braucht der Markt?" – oder noch überspitzter „Worin liegt der Schmerz der Personas" zielführender, um die Dienstleistungen künftig an den Bedürfnissen des Marktes anzupassen. Nur auf diese Weise könnten Innovationen entstehen.

Haeme Ulrich
Für Haeme Ulrich ist Digitale Transformation eine Frage der Unternehmenskultur.

Das Bildungssystem ist eine Riesenbaustelle

Als „Riesenbaustelle" bezeichnete der Referent, der in jüngeren Jahren als Freelancer bei Apple und Adobe im Silicon Valley ein- und ausging, unser Bildungssystem. Dieses lege den Fokus auf Fehler, dabei seien Kinder an sich kreativ, agil und innovativ, eben im besten Sinne des Wortes Design Thinker. Denn kein Kind bezweifle und denke darüber nach, ob es das Laufenlernen auch nach so vielen Fehlversuchen noch erlernen würde. Kinder tun es einfach, bis sie es können. Der Denkanstoß, dass die größten Innovatoren der letzten zwanzig Jahre diejenigen seien, die auf halbem Weg aus dem Bildungssystem ausgeschieden sind, stimmte die Zuhörer nachdenklich.

Publikum
Der Blick ins Publikum zeigt aufmerksame Gesichter.

„Nicht alle können alles"

Eine wohlbekannte Karikatur erheiterte anschließend das Publikum: Verschiedene Tiere, vom Elefanten über den Fisch zum Affen, erhalten folgenden, gleichen Auftrag: „Klettert auf den Baum!" Die anschließende Feststellung ist so simpel wie einleuchtend: „Nicht alle können alles." Grundsätzlich müsse im Unternehmen immer zwischen innovativen und stetigen Leuten unterschieden werden. Jeder sei nur so gut, wie es die individuelle Beschaffenheit vorgebe. Daran könnten auch drei Innovationstage im Jahr – gewissermaßen als Alibiveranstaltung – im Unternehmen nichts ändern.

Als Schlusswort gab Ulrich dem Publikum drei Anregungen mit auf den Weg:

  1. Windräder statt Mauern zu bauen,
  2. Transformation durch Kultur zu ersetzen und
  3. auf Ermutigung statt Kontrolle zu bauen.
Snacks
Beim Networking war auch fürs leibliche Wohl gesorgt.

„New Work und agile: Bericht aus dem Maschinenraum der Firmen"

In der Pause tauschten sich die Gäste bei Fingerfood angeregt über die eigenen Erfahrungen zum digitalen Wandel aus. Anschließend setzte Dr. Holger Sobanski mit seinem „Bericht aus dem Maschinenraum der Firmen" den zweiten Teil des After Work Specials fort.  Mit einer kurzen Abfrage im Plenum stellte er eingangs fest, dass ein Viertel der Anwesenden in agilen Teams arbeite. Auffällig sei jedoch, dass dem Thema Agilität allgemein eher mit Vorgaben begegnet würde. Sobanski präferierte deshalb einen Weg weg vom „Müssen" und hin zum „Dürfen": „Sie müssen gar nichts, nur sterben!"

Publikum
Auch die junge Generation setzt sich mit der Digitalisierung auseinander.

„Nennen wir es einfach Spielsysteme"

Weltweit experimentieren Organisationen aller Branchen und Größenordnungen mit neuen Wegen der Beteiligung, Führung und Organisation. Wir nennen es einfach „Spielsysteme".

Mithilfe von Folien und Flipcharts tauchten die Zuhörer ein in die wissenschaftlichen Grundlagen und Theorien vom Cynefin-Modell („complexity kills complexity") und dem Ashby-Gesetz.

Die verschiedenen Stufen von Agilität charakterisierte der Referent anschaulich anhand von verschiedenen Gebäudetypen, vom renovierten Schloss bis hin zur Allianz Arena.
Zusammengefasst steht Agilität für diese Punkte:

  1. Selbstorganisiert -> klare Rollen
  2. Iterative Schritte
  3. Gemeinsam mit Kunden entwickeln
  4. Zusammenarbeit über Bereiche hinweg
Dr. Sobanski
Dr. Holger Sobanski: „Agil darf Spaß machen!“.

Buchtipps zur Transformationsschule

Zum Nachlesen hatte Sobanski gleich zwei Buchtipps parat: den Klassiker „Reinventing Organizations" von Frederic Laloux, 2016 bei Vahlen erschienen, und „Organisation für Komplexität" von Niels Pfläging, 2014 bei redline erschienen.

Abschließend präsentierte er die folgenden sechs verschiedene Organisationsstufen, die für ihn für eine Zunahme an Wahlmöglichkeiten stehen:

  1. Die vertikal-hierarchische Struktur
  2. Projektorganisation 1.0 -> Projektmanagement
  3. Projektorganisation 2.0 -> „alle Macht dem Projekt"
  4. Prozessorientierte Organisation
  5. Matrixorganisation als Vorstufe für agile Netzwerkorganisationen
  6. Agile Netzwerkorganisation
Auf besonderes Interesse stieß der Wokshop „Azubigewinnung 2.0“ Mehr darüber hier

Wie im Straßenverkehr müssten eigens Spiel-bzw. Verkehrsregeln festgelegt sein. Dann bräuchte es Trainingseinheiten, also etwas wie eine Fahrschule und zuletzt den Straßenbau als Bild für eine funktionierende Infrastruktur.

Der vielleicht wichtigste Satz folgte zum Ende: Nicht ein bestimmter Führungsstil sei der beste. An dieser Stelle sei „keine Präferenzen zu haben" die Einstellung, die am meisten Erfolg verspricht. Auf keinem Fall aber sollte man die alten Spielsysteme verteufeln.

Weitere Informationen zu den Referenten:
Website von Haeme Ulrich, Bern
Website von Dr. Holger Sobanski, Stuttgart, BiWe Akademie

Weitere Veranstaltungen im Rahmen des After Work Specials finden Sie unter https://www.dmpi-bw.de/seminare-events-stuttgart/events/aws-und-infoveranstaltungen/